Gretchen Grosser übersetzt Kästners „Fliegendes Klassenzimmer“

ROOMELSE – Das neue Projekt bereitet ihr Kopfzerbrechen. Seit Tagen sinniert Gretchen Grosser über den passenden Einstieg. „Wenn ich nur wüsste, wie ich anfange“, sagt die 76-Jährige, legt die Stirn in Falten und gibt zu, „manchmal ein wenig zu genau zu sein“. Den „Struwwelpeter“ gerade ins Saterfriesische übersetzt, hat die nimmermüde Ramsloherin bereits das nächste Werk vor dem geistigen Auge: Erich Kästners „Fliegendes Klassenzimmer“. Ob sie Professor Walter Sauers Wunsch – der Hesse verlegt Literatur in Minderheitensprachen und hätte Kästner gerne ap Seeltersk – einfach hätte
ausschlagen können? Die kleine, zierliche Frau lacht, während sie heißen Tee in eine blau-weiße Tasse gießt: „Ich hatte auch den Struwwelpeter abgelehnt.“ Doch hartnäckig habe Professor Sauer sie wieder und wieder gebeten, Wilhelm Buschs Klassiker in die altfriesische Sprache zu übertragen. Bis sie „Ja“ sagte. Vielleicht wollte die Saterfriesin den Überredungskünsten des Professors dieses Mal vorgreifen. Wahrscheinlicher aber ist, dass sie gar nicht anders konnte. Weil sie nicht stillsitzen kann. Weil Schreiben und Übersetzen sie geistig fit halten. Weil sie schlichtweg Spaß daran hat, sagt Gretchen Grosser, die eigentlich Margaretha heißt.

Den Vornamen hört sie aber nicht gern, „weil er so fremd klingt“. Wörter, Bücher und Schreibmaschinen haben Grossers Leben schon bestimmt, als sie selber noch keinen Gedanken daran verschwendete, jemals eigene Geschichten zu verfassen. „Schon als Kind habe ich Bücher verschlungen“, erzählt die Frau mit dem dunklen schwarzen Haar, das von feinen grauen Strähnen durchzogen
ist. Später arbeitete Gretchen Grosser als Stenotypistin und Buchhalterin,
gebar und erzog vier Kinder. Ihr erster Mann starb früh. Mit dem Rentenalter ab
1992 kamen die eigenen Geschichten. Als der „Seelter Buund“, dessen Kassierin
Grosser zwölf Jahre lang war, befand, „wir müssen mal ‘was ap Seeltersk aufschreiben“, hatte sie eine neue Aufgabe. „Ich setzte mich mit meiner kleinen Erika-Schreibmaschine hin und schrieb Geschichten auf“, blickt sie zurück. Ihr Debüt als Autorin feierte die Saterländerin vor fast 20 Jahren im GA – bis heute schreibt die Literaturliebhaberin für den GA. Den „Kleinen Prinzen“ übersetzte sie ebenso wie den „Kleinen Häwelmann“. Und wird nicht müde, neue Projekte in Angriff zu nehmen. Ihr Mann Gregor schüttelt den Kopf: „Das kann auch mal zu viel werden“, grummelt er, lässt aber im nächsten Moment durchschimmern, dass er es gewesen war, der seiner Frau erst den Computer und dann den Laptop geschenkt hatte. „Was hat sie geschimpft!“, erinnert sich der Ehemann, der seit einem Schlaganfall vor drei Jahren im Rollstuhl sitzt. Dabei habe der PC die Arbeit der Saterfriesin erst erleichtert. Nein, die kleine „Erika“ wolle sie auch nicht zurück, lacht die Seniorin. Dann fällt ihr wieder der Einstieg ein, der noch fehlt, um dem neuen Literaturprojekt Schwung zu verleihen. Womöglich liege das daran, dass sie älter werde, stellt die vitale Mittsiebzigerin fest. Oder daran, dass ihr der Zugang zu diesem Stück Kinderliteratur fehle. Und: „Für einige Begriffe finde ich einfach kein saterfriesisches Wort“, ärgert sich die Perfektionistin.
Dann, so Grosser, müsse es bei der hochdeutschen Entsprechung bleiben. Kunstwörter erfinde sie nicht, sagt sie resolut. Aber: Bis zur Vollendung bleibt Gretchen Grosser noch ein Jahr Zeit. Denn ihr Auftraggeber ist zwar hartnäckig, aber geduldig.

Quelle: General-Anzeiger

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